Freitag, 03. Oktober 2025

20. Friedensgespräch

Verein für Soziale Bildung

Wie ist Frieden möglich?

Lieber Interessierte an der psychologischen Bearbeitung der Frage von Krieg und Frieden 

Hier eine kleine Antwort auf die Frage, was die Bedeutung unserer Gespräche über Krieg und Frieden ist

Jeder kann mitmachen bei den Gesprächen. Es kommt darauf an, ob jemand bereit ist, die Macht und den Krieg aus psychologischer Sicht und – im psychologischen Sinn, nicht mystisch betrachten zu wollen, auf eine Art Neuland betreten zu wollen. Wir müssen vor allem nicht immer nach dem Bösen suchen. Wir gehen davon aus, dass Politik sehr oft ein schmutziges Geschäft ist, mit Lug und Trug und Gemeinheit und Härte, Hinterhältigkeit; Manipulationsversuchen, Korruption und Mord und Totschlag. Wir gehen davon aus und müssen diese Tatsachen nicht ständig an immer neuen Beispielen bis ins Detail vor Augen führen. Die Gefahr besteht, dass wir uns damit gleichzeitig in Gefahr begeben, das alte Menschenbild vom kriegerischen Menschen immer wieder neu kreieren. Wir, die Guten, die anderen die Bösen, deren Gefährlichkeit wir dann allen Menschen vor Augen führen, damit man sich von den Bösen fern hält. Und das machen fast alle in der Politik. Wir versinken gefühlsmässig leicht in diesem fatalen Irrtum anstatt sich im Gefühl und im Denken damit zu befassen, wie Konflikte und Unstimmigkeiten aus einem guten Verständnis gelöst werden können und ein soziales Miteinander aufgebaut werden kann.

In Wirklichkeit sind wir alle in der gleichen Kultur aufgewachsen und ähnlich erzogen und empfinden ähnlich wie die meisten Politiker. Wir sind wie die sogenannt Bösen, ähnlich zumindest, wir leben auch von Gut und Böse – was es in Wirklichkeit nicht gibt – wir würden ungefähr dasselbe machen, wenn wir an die Spitze gespült würden, solange wir uns nicht selbst verstehen lernen. Dieser Ansatz ist eine Herausforderung für jeden Menschen im Gefühl, der gerne der Gute sein will – und so viel Böses überall sieht, der so erzogen ist, dass alles darum geht, selbst auf der richtigen Seite zu stehen und andere verurteilen zu können. Wie können wir das Menschenbild verstehen und vor allem hinter uns lassen, so dass uns Besseres einfällt, zum Beispiel zu erkennen, wo eine Chance einer Umkehr und Verbesserung ist.

Das können wir nur, wenn wir den anderen nicht als das Böse anschauen, das ausradiert werden muss, sondern versuchen, auch den Politiker, auch jeden Menschen so zu sehen, dass er ein unbewusstes Lebensziel hat, ganz ungeschönt, und dann erkennen, wo wir und wie wir positiv eingreifen können. Leben wir in der Vorstellung von Gut und Böse, dann ist einer eben ein Kriegstreiber, mit dem ich mich nicht mehr befasse und den ich nicht mehr kennenlernen will. Ich kann dann auch nicht erkennen, welche Motive er hat und habe keinen Ansatzpunkt, wo ich ihn erreichen und ansprechen könnte. Also kein Ansatzpunkt, von dem aus wir unterstützen könnten, wenn wir genau genug sein könnten, wenn wir uns üben, alle Menschen zu verstehen, auch wenn wir sehen, dass wir selbst und der andere irritiert sind; der andere vielleicht sogar weniger als ich oder sogar mehr .

Das ist also die grosse Herausforderung, nicht mehr in Gut- und -Böse-Kategorien versuchen zu denken, indem man sein Gefühlsleben besser erfasst und das der anderen, um wirklich eine Änderung in der kulturellen Entwicklung bewirken zu können und nicht wieder einen Feind aufzubauen, den es zu bekämpfen oder niederzuringen gilt und dem man seine Schandtaten nachweist.  Obwohl man dabei gar nichts zu verharmlosen braucht, was schief läuft. Sondern im Gegenteil direkt darauf zugeht und versucht, die seelischen Verbiegungen genau und auf eine Art schonungslos – im Denken – zu analysieren, so dass sie greifbar und genau werden, weil sie eben in Frage gestellt werden können, wenn sie genau erfasst sind.

Da sind die Interviews mit dem langjährigen Diplomaten und involviert in viele Konfliktlösungen Herr von Schulenburg so bereichernd, der aufzeigt, dass es nur Frieden gibt, wenn es nicht um die Frage geht, wer angefangen hat, wer sich wie schlecht benommen hat, wem man was nachweisen kann und muss, sondern wenn man zu erfassen versucht, wie einer der Gegner einlenken könnte, weil man seine Motive versteht, den Ursprung seines Handelns. Er ist offensichtlich in der Lage, nicht mystisch und schicksalhaft und vom Gut-Böse Schema her zu denken und zu fühlen. So war er oft ein Friedensbeschleuniger und hat niemandem etwas nachsehen müssen, sondern konnte versuchen, zu erfassen,  was der andere bewirken will, was den umtreibt, wo seine Schwerpunkte sind, die er zu verteidigen versucht? Und wie kann einer aus seiner Einengung herauskommen, ohne das Gesicht zu verlieren, auch bei den eigenen Anhängern und sich nicht gedemütigt fühlt. Er suchte nach den Interessen und Werten und Abhängigkeiten und Schwerpunkten im Denken, um rational zu erfassen wie der andere einen Weg aus seinem eingefleischten Schema findet. Wir müssen das Psychologische hinzufügen, denn er kann es noch nicht verstehen, wenn jemand keine rationalen Gründe hat, wie er dann auf den Krieg zugeht, was man manchmal als Schlafwandeln bezeichnet, wie das Hineinschlafwandeln in den 1. Weltkrieg, wie es der Historiker Jörg Friedrich in seinem Buch von 2014 über die Geschichte des 1. Weltkrieges «14/18. Der Weg nach Versailles» aufgezeigt hat.

Wir haben da die grosse Chance, uns dessen bewusst zu werden und einen Beitrag zu leisten, wie man das Geschehen auch aus psychologischer Sicht verstehen kann und wie man dann eingreifen kann. Aber wir brauchen dafür alle Kräfte zu erkennen, wann wir uns im Kampf gegen das Böse befinden und nicht im Verständnis der Irritationen – denen wir selbst auch unterworfen sind und uns nicht darüberstellen können. Sonst wären wir genauso in Versuchung, alle anderen Meinungen und Einstellungen wegbringen zu wollen, sobald wir zufällig einen einflussreichen Posten hätten.

Es geht vermutlich darum, das psychologische Denken zu schulen, aus der Geschichte zu lernen, die Geschichte vom psychologischen Standpunkt aus neu zu schreiben, um zu verstehen, was die Menschen treibt, warum sie einigen zugestehen, dass diese die Geschicke lenken und den anderen Menschen nicht und warum es einem solche Vorstellungen von Weltenlenkern einleuchtet und man fast immer für Manipulationen offen ist, die die Gewalt rechtfertigen. 

Wir scheitern ja alle – wie in der Zusammenarbeit immer wieder sichtbar wird – daran, wie wir ohne Gewalt mit Kindern und Jugendlichen reden können, damit wir sie fürs Leben gewinnen können. Das müssen wir aber uns abringen, wie das möglich ist und das verbreiten, wenn es uns ein bisschen gelingt, damit dann eine Grundlage besteht der Zuversicht, dass man schwierigste Situationen bewältigen kann. 

Wir müssen uns ja einfühlen, was spricht uns als Menschen an, dass wir zum Beispiel aufstehen und demonstrieren gegen eine ganz kleine Zusammenkunft von Menschen, die sich Sorgen machen wegen der Migration und dem Zusammenhalt und dafür leider ein Konzept des Nationalismus haben, um sich das zu erklären, wie man ein besseres Zusammenleben entwickeln könnte und glauben, damit etwas gegen die Isolation und gefühlsmässige Heimatlosigkeit von so vielen Menschen zu unternehmen.

Wir müssten auch verstehen, warum sich nur wenige oder zumindest viel weniger gegen den Krieg einsetzen, auch warum die Regierung nicht mitdemonstriert, weil sie im Gefühl keine Erklärung haben und durch die Irritationen im Gefühl glauben, etwas Gutes zu tun und das Empfinden in Wirklichkeit auf etwas anderes gelenkt wird, was uns Menschen aber anspricht. Auch weil wir gerne etwas Gutes tun wollen und möglichst in Übereinstimmung mit den scheinbar Oberen. Aber auch nicht zu Ende denken können, wie man ein besseres Leben zustande bringt und wie nicht.

Und wir sollten oder könnten es versuchen, etwas beizutragen, was den Menschen antreibt, wenn er glaubt, nur im Kampf gegen andere könnte es einen Fortschritt geben „Auf welcher Seite stehst Du he?“, sangen die Grünen in ihren Anfängen, und merkten nicht, dass es dasselbe Vorgehen ist, weil es nämlich nicht um die Seite der Menschlichkeit geht, sondern um einen Bauplatz für Atomkraftwerke, den man verhindern muss und es um das Kräfteverhältnis geht nach autoritär marxistisch religiösem Muster und nicht im Aufeinander-Zugehen, im Gefühl genau erfassend, in welcher Gefühlslage jemand steht und wie man mit wem eine Lösung findet für das Problem.

Herr von Schulenburg ist da ganz differenziert, weil er jeweils schaut, welcher Mensch ist an entscheidender Stelle und er deutet an, was da vor sich gehen kann, was einen Menschen antreibt. So musste sich zum Beispiel der Iraner Rafsandschani gut überlegen, ob er wagen sollte, mit dem Irak Frieden zu schliessen, den er gerne wollte, denn es beschäftigte ihn dabei, ob man ihn in seinem eigenen Land nicht umbringt. Deshalb musste Rafsandschani Überlegungen machen, ob er seine Friedensvorstellungen auch im eigenen Land vertreten könnte, wo er doch selbst dafür gesorgt hatte, dass die Menschen aufgehetzt waren und sich gegen ihn hätten wenden können.

Also, wir stehen vor einer grossen Aufgabe, aber nicht vor dem Kampf gegen das Böse, sondern vor der Auseinandersetzung darüber, welche Gefühlslagen irritiert sind und wie wir die genau erfassen und erkennen, so dass wir auch behilflich sein können, generell Lösungen zu finden in Konfliktsituationen. Gelingt es uns schon im Kleinen, uns so zu schulen, dass wir nicht einander ohne es zu wollen, gegenseitig Böses unterstellen oder uns aufregen und glauben, der andere sei gegen einen, man müsse seine Sache durchsetzen, selbst Bedeutung haben, sich das erkämpfen oder sich zurückziehen im Ärger über andere.

Und wenn bezüglich Kriegen daraufhin gesagt wird, aber es gäbe doch Situationen, in denen man kämpfen müsste, dann sind wir auf der philosophischen Ebene und könnten „ja“ sagen. Was nützt es uns aber? In unserem Gefühlshaushalt würden wir dann überall solche Notwendigkeiten erkennen und kurz vor dem scheinbar drohenden Weltuntergang oder dem kurz bevorstehenden Sieg des Bösen, der Illuminaten, der Juden, der Araber, der Muslime, der Rechtsradikalen, der Russen, der Amerikaner, der Kapitalisten, der WHO – oder unserem besten Freund! – schnell in eine gewalttätige Stimmung geraten und sogar Gewalt anwenden, wenn man uns dazu hinpropagiert. In einer nervösen Stimmung findet man immer einen Grund, keine Zeit zu haben, sich mit den eigentlichen Ursachen und den verfehlten Motive, der irritierten und irrtümlichen Sicht auf die Welt von uns allen zu befassen und damit, wie wir diese verändern können.

Im günstigsten Fall sorgen wir dafür, dass andere an die Macht kommen, die innerlich gleich ausgerüstet sind. Und übersehen dabei, dass wir jeden Menschen einzeln erfassen können, wenn wir uns Zeit nehmen und uns schulen und versuchen, seine Beweggründe zu erfassen und seine Einengungen und dadurch mithelfen können, den richtigen Ansatz zu entwickeln, wie man sich auf eine Lösung zubewegen kann. 

20. Friedensgespräch
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