Freitag, 09. Januar 2026

23. Friedensgespräch

Verein für Soziale Bildung


Welche Gefühlsvoraussetzungen sind für ein friedliches Zusammenleben wichtig?

Die Erkenntnisse der Sozialwissenschaften haben in den letzten Jahrzehnten ergeben, dass der Mensch ein Wesen ist, das darauf angelegt ist, sich im sozialen Miteinander zu verwirklichen. Ein besonders grosser Irrtum, der sich in verschiedenen Kulturen eingeschlichen hat, ist die Überzeugung, dass der Mensch gegen das sogenannte Böse kämpfen muss – sowohl in sich selbst als auch gegen das Böse in anderen Menschen.
Zudem wird der Mensch in die Richtung erzogen, sich etwas Abstraktem unterzuordnen, sich für etwas sogenannt Gutes irgendwelcher Art aufzuopfern und dabei seine Wunder zu erleben.
Dieses Menschenbild wird in den ersten Lebensjahren eines Kindes sowohl im Gefühl als auch im Denken und Verhalten von Generation zu Generation weiter tradiert. Es bietet eine wichtige Grundlage dafür, dass Menschen durch Propaganda dazu geführt werden können, sowohl ihre geistigen und seelischen Kräfte als auch ihre sozialen Gefühle und ihren Wohlstand gegen das phantasierte Böse und für das abstrakt Gute einzusetzen.
Die innere Verbindung zum einzelnen anderen Mensch bedeutet zu wenig im täglichen Empfinden und Denken. Der Mensch wurde abgeschreckt vom anderen und im psychischen Haushalt auf ein höheres Ziel eingeengt.
Um Menschen bekämpfen zu können, müssen sie entmenschlicht werden, indem man sie so darstellt, als ob sie das Bösen verkörpern oder vom Teufel besessen sind. Heute zeigen die Erkenntnisse über das soziale Wesen des Menschen, dass jeder Mensch verstehbar ist, wenn man sich für seine Motive interessiert.
Es geht um die Fragen, wie wir als Menschen erfassen, auf welche Art und Weise wir zu einer misstrauischen Haltung gegenüber den Menschen und einem selbst gekommen sind. Um dann zu untersuchen, wie eine aufgeklärte und wissenschaftlich fundierte Haltung über den Menschen aussieht und wie es möglich wird, sein Fühlen, Denken und Handeln daran auszurichten.
Wir bemühen uns zu untersuchen, was es braucht, um sicher zu werden, dass Menschen friedlich zusammenleben können und ohne Krieg. Und wie wir im spontanen Gefühl erkennen können, was Menschen dazu treibt zu glauben, den oder die anderen, den Bösen, so lange bekämpfen zu müssen bis der am Boden ist und sich unterordnet – und damit glauben oder vorgeben, ein friedliches Zusammenleben zu erreichen.
Wir sollten uns weiterhin damit befassen, wie wir als Menschen so erzogen sind, dass es einleuchtet, opferbereit für etwas Höheres, Abstraktes, über dem einzelnen Menschen Stehendes zu sein, das einen „fähig“ macht, andere Menschen zu entmenschlichen und zu attackieren. Das Pflichtgefühl und die Überzeugung, für etwas übergeordnet Gutes das sogenannte Böse in anderen Menschen bekämpfen zu müssen, ist meist ein Versuch auf der richtigen Seite zu stehen, anstatt dem einzelnen Menschen nahe sein zu können.
Ein Gegenmodell ist die Erziehung zum Interesse an der Welt und den Menschen, die das Gefühl der Zusammengehörigkeit mit allen Menschen entstehen lässt. Nicht als Tugend, sondern als ein Gefühl, selbst besser leben zu können, wenn sich das Leben daran entzündet, dass man sich mit den Menschen und der Welt verbinden kann und daraus sein Selbstwertgefühl ziehen kann. Dann ist der Mensch nicht anfällig dafür, Bedeutung zu haben, indem man sich einem Kampf für die richtige und gute Gesellschaft oder Meinung unterordnet.

23. Friedensgespräch
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