Liebe Interessierte an der Frage, warum im Gefühl die Anfälligkeit so gross ist, dass es manchmal Gewalt, ja sogar Krieg braucht.
Wir sprechen ja wieder am kommenden Freitag, 5. Juli 2024 um 19 Uhr darüber.
Wir stellen uns weiterhin die psychologische Frage, wie es dazu kommt, dass wir im Allgemeinen so anfällig für Machtanmassungen und sogar Kriegsbegeisterung sind. Obwohl jeder weiss, dass sich im Krieg immer viele verführte oder bezwungenen Menschen gegenseitig töten und Not und Leid in unzählige Familien bringt und die kulturelle, die soziale und die wirtschaftliche Entwicklung auf Jahrzehnte hinaus verhindert oder sehr stark einschränkt.
Welche unbewussten Überzeugungen werden in der üblichen Erziehung in unserer Kultur gelegt, dass wir dem Argument bewusst oder unbewusst schnell folgen, dass es Situationen im Leben gibt, bei der nur noch Gewalt hilft nach dem mittelalterlichen Motto: Und bist Du nicht willig, dann brauche ich Gewalt?
Wie kommt es, dass wir meist so erzogen sind, dass wir bei einer anderen Meinung glauben, heftig werden zu müssen, also den anderen sofort als Feind ansehen?
Wie kommt es, dass viele (oder alle?) schnell glauben, ihre eigenen Gefühle und ihre eigene Meinung ganz schnell zurückstellen zu müssen, wenn sich ein Menschen wie alle anderen eine Königskrone auf den Kopf gesetzt hat oder gesetzt bekommen hat?
Warum bewundern wir Menschen, die sich mit allen Mitteln über andere hinweg durchzusetzen versuchen, die autoritär auftreten und andere entwerten? Warum schwinden fast allen die Sinne und ein klares Denken?
Warum bekommen viele Angst und passen sich ganz schnell an und fühlen sich gerettet, wenn sie mithelfen, gegen die sogenannten Störenfriede vorgehen zu können?
Warum bedeutet einem die eigene Meinung und die eigenen Empfindungen so wenig und man ist froh, wenn man nicht auffällt?
Warum muss man sich in Gegensatz stellen, die andren zu Feinden erklären und die andere Seite bekämpfen, damit man sich erlaubt, denken zu wollen? Will man selbst zum Diktator werden, wenn es möglich wäre und die anderen aus dem Verkehr ziehen, die zum Beispiel verführt worden sind und kriegsbegeistert sind?
Wie kann ein freies Denken und Fühlen in unserer Kultur möglich werden durch eine Erziehung, in der das kooperative Empfinden, Denken und Handeln ausgebaut wird, durch die die Anfälligkeit für Gewaltbereitschaft und Krieg verhindert wird und es zu einer Entwicklung zum friedlichen Zusammenleben gibt?
Wo stehen wir innerlich, dass ein Philosophenmagazin 2022 ein Heft mit dem Titel veröffentlichen musste: «Das Ende der Illusion»? Sie meinten dort, dass es eine Täuschung war, dass wir Menschen ohne Krieg auskommen könnten und die Idee von einer Welt ohne Krieg gescheitert sei, was der Ukraine-Krieg zeige und all die Kriege, die seit 1945 eben ausserhalb Europas geführt worden seien.
Es gibt tatsächlich wenige, die in unserer christlich abendländischen Kultur und auch in anderen sogenannten Hochkulturen den Menschen als von Natur aus friedliches Wesen angesehen haben.
Lucrez im 1. Jahrhundert gehörte dazu, der sich als Anhänger von Epikur verstand . Für ihn machten die Freundschaften unter den Menschen den Sinn des Lebens aus. Er wendete sich gegen die Angst vor Naturkatastrophen und vor einer Strafe durch eingebildete strafende Götter die die Gemütsruhe verhinderten. Er beklagte die Schrecken des Krieges und wendete sich dagegen.
Erasmus von Rotterdam, (1466-1536), der lange Jahre in Basel lebte (1514-1529 und dort 1536 starb) hatte sich mehrfach öffentlich (in Briefen und Schriften) zum Thema Krieg und Gewalt geäussert.
In der Schrift In seiner Schrift: «Klage des Friedens» für einer geplanten Friedenskonferenz aller Herrscher in Europa 1517, die nicht stattfand lässt die Friedensgöttin „Pax“ zu Wort kommen, die sich als „Stifter und Erhalter von allem“ ausgibt. Sie konfrontiert den Leser mit der Wirklichkeit des Krieges, dessen verheerende Folgen jede mögliche Legitimation in den Schatten stellen. Lieber soll man Besitz und Einfluss riskieren als sich in diese Spirale des Schreckens zu begeben. Denn: „Krieg wird aus Krieg gesät“. Und weiter:
Vom grössten Teil des Volkes wird der Krieg verflucht, man betet um Frieden. Einige wenige nur, deren gottloses Glück vom allgemeinen Unglück abhängt, wünschen den Krieg. Beurteilt selbst, ob es recht und billig sei oder nicht, dass deren Unredlichkeit mehr gilt als der Wille aller Guten. Ihr seht, bis jetzt ist nichts durch Bündnisse zustande gebracht, nichts durch Verschwägerung gefördert, nichts durch Gewalt, nichts durch Rachenahme. Stellt nun dagegen auf die Probe, was Versöhnlichkeit und Wohltätigkeit vermögen. Krieg wird aus Krieg gesät, Rache verursacht wieder Rache […]
In seiner Schrift Dulce bellum inexpertis (süß scheint der Krieg den Unerfahrenen), die er später als Adagia Nr. 3001 in seine Zitaten-Sammlung übernommen hatte findet Erasmus klare Worte darüber, dass der Krieg nur aus der Studierstube des Theoretikers berechtigt erscheint. Faktisch ist der Krieg das „Reich des Teufels“. Der Mensch jedoch, ausgestattet mit Sanftmut und Mitleid, ist von Natur aus für den Frieden gemacht.
Er schreibt:
Es ist jetzt schon soweit gekommen, dass man den Krieg allgemein für eine annehmbare Sache hält und sich wundert, dass es Menschen gibt, denen er nicht gefällt […] Wie viel gerechtfertigter wäre es dagegen, sich darüber zu wundern, welch’ böser Genius, welche Pest, welche Tollheit, welche Furie diese bis dahin bestialische Sache zuerst in den Sinn des Menschen gebracht haben mag, dass jenes sanfte Lebewesen, das die Natur für Frieden und Wohlwollen erschuf, mit so wilder Raserei, so wahnsinnigem Tumult zur gegenseitigen Vernichtung eilte. Wenn man also zuerst nur die Erscheinung und Gestalt des menschlichen Körpers ansieht, merkt man denn nicht sofort, dass die Natur, oder vielmehr Gott, ein solches Wesen nicht für Krieg, sondern für Freundschaft, nicht zum Verderben, sondern zum Heil, nicht für Gewalttaten, sondern für Wohltätigkeit erschaffen habe? Ein jedes der anderen Wesen stattete sie mit eigenen Waffen aus, den Stier mit Hörnern, den Löwen mit Pranken, den Eber mit Stosszähnen, andere mit Gift, wieder andere mit Schnelligkeit. Der Mensch aber ist nackt, zart, wehrlos und schwach, nichts kann man an den Gliedern sehen, was für einen Kampf oder eine Gewalttätigkeit bestimmt wäre. Er kommt auf die Welt und ist lange Zeit vor fremder Hilfe abhängig, kann bloss durch Wimmern und Weinen nach Beistand rufen. Die Natur schenkte ihm freundliche Augen als Spiegel der Seele, biegsame Arme zur Umarmung, gab ihm die Empfindung eines Kusses, das Lachen als Ausdruck von Fröhlichkeit, Tränen als Symbol für Sanftmut und des Mitleids.Der Krieg wird aus dem Krieg erzeugt, aus einem Scheinkrieg entsteht ein offener, aus einem winzigen der gewaltigste […] Wo denn ist das Reich des Teufels, wenn es nicht im Krieg ist? Warum schleppen wir Christus hierhin, zu dem der Krieg noch weniger passt als ein Hurenhaus? So mögen wir Krieg und Frieden, die zugleich elendeste und verbrecherischste Sache vergleichen, und es wird vollends klar werden, ein wie grosser Wahnsinn es sei, mit so viel Tumult, so viel Strapazen, so einem grossen Kostenaufwand, unter höchster Gefahr und so vielen Verlusten Krieg zu veranstalten, obwohl um ein viel geringeres die Eintracht erkauft werden könnte.
Immanuel Kant 1795 blieb hingegen in seinem Werk «Zum ewigen Frieden» in der Vorstellung verhaftet, dass Krieg in der Natur des Menschen liege. Immerhin geht er davon aus, dass man Wege finden müsse, um ihn einzudämmen über Handel, Menschenrechten, Zusammenschlüssen und allgemeine Regelungen – wie wir Menschen das seit dieser Zeit um Glück auch immer weiter ausbauen konnten.
Heute können wir aber mithilfe der psychologischen Erkenntnisse erfassen, dass wir über die Erziehung einen Ausweg finden können, wie wir Menschen uns von der Geissel Krieg befreien können. Auf der Seite seniora.org findet sich ein Artikel von Leo Ensel: „Apathie und Schockstarre – Warum bleiben die Ängste vor einer Ausweitung des Krieges stumm und folgenlos?„
Zu Ghandis Theorie der Gewaltlosigkeit, wobei er sich auch insbesondere auf Tolstoi beruft: https://www.bpb.de/themen/asien/indien/310374/an-der-wahrheit-festhalten/