Viele Menschen sind in vielen Situationen oder ganz generell zurückhaltend und vorsichtig, manche sogar schüchtern. Obwohl alle gerne mit anderen gut gestimmt und auch befreundet sein wollen und sich gerne unterhalten, brauchen die meisten lange oder es gelingt gar nicht, dass sie auf andere zugehen oder sich befreunden. Viele glauben, dass sie so wenig zu bieten oder zu sagen haben, dass sie es auch bei einem Treffen mit Bekannten oder Freunden nur länger aushalten, wenn sie Alkohol trinken oder Cannabis rauchen. Viele zweifeln an sich oder sind unsicher, ob man interessant genug ist, versuchen alles korrekt zu machen und nicht aufzufallen, weshalb sie gehemmt und angespannt sind und davon ausgehen, dass andere sie ständig schlecht beurteilen. Die einen wirken dann schüchtern, weil man ihnen diese innere Not ansieht. Andere treten selbstbewusst auf oder wehren sich ständig gegen vermeintliche Kritik und sind trotz allem zutiefst verunsichert.
Die langanhaltenden Massnahmen der letzten 18 Monate und die ständige Aufforderungen, sich distanziert zu anderen Menschen zu verhalten, ist bei vielen auf einen bereits vorhandenen fruchtbaren Boden gefallen, dass man am besten misstrauisch gegenüber anderen sein muss und sich am besten zurückzieht. Diejenigen, die sich unter Menschen meist anstrengen, waren zum Teil froh, mussten sie sich nicht abmühen. Andere genossen es, vor allem mit vertrauten Menschen Kontakte zu haben und nicht mehr so stark zu spüren, wie vorsichtig oder gar ängstlich sie bei vielen Menschen sind. Die meisten Menschen vermissten jedoch die Möglichkeiten, sich auch ausserhalb der Familie mit vielen anderen auszutauschen, auch wenn sie dabei zurückhaltend sind.
Wie können wir uns erklären, dass so viele Menschen generell vorsichtig und zurückhaltend sind und selten aus sich heraus kommen können, wo wir doch Artgenossen sind und auf Kooperation angelegt sind?
Auch wenn die meisten in den ersten Lebensjahren sehr häufig erlebt haben, dass ihre Eltern alles dafür tun, dass es ihren Kindern gut geht. Und auch erlebt haben, dass ihre Erzieher und Betreuer in der Kindertagesstätte, im Kindergarten und im Kinderhort, in der Schule und in vielen Vereinen und Clubs ganz engagiert und oft hilfsbereit waren. So haben doch sehr viele erlebt, dass die Verbindung zu den Erziehern abgeschnitten wurde, wenn sie sich nicht richtig benommen haben. Die Erziehenden waren oft nicht richtig informiert, so dass sie ganz heftig oder gar mit Schlägen glaubten, dem Kind das falsche Verhalten austreiben oder abtrainieren zu können. Oft benutzen Erziehende und Lehrende dafür – hilflos oder überzeugt – zudem traurige und enttäuschte Gefühle und Gesichter, time-outs und Drohungen mit Konsequenzen. Solche Massnahmen entfremden das Kind von ihren nächsten Beziehungspersonen und vermitteln, dass man im Leben vorsichtig sein muss.
Genauso kann es passieren, dass ein Kind sich zusammenreimt, es werde abgelehnt, wenn man ihm nicht wie in den ersten Kinderjahren alles vorausahnt und abnimmt oder von anderen erkannt wird, was es gerade braucht. Dann ist es enttäuscht von der Welt und fühlt sich unwohl und ist deshalb zurückhaltend oder gar schüchtern.
Es kann aber auch sein, dass sich ein Kind nur dann geliebt fühlt, wenn es stark umsorgt wird. Es kann unbewusst eine Schüchternheit oder Zurückhaltung entwickeln: mit dem Ziel, dass andere das Leben erleichtern. Es muss dann weiterhin zurückhaltend bleiben, auch wenn es geliebt wird und sich frei und gefühlsverbunden im Leben bewegen könnte.
Auswege ergeben sich dadurch, dass ein Mensch die jeweils individuellen Hintergründe erfasst und sich das Ziel setzen kann, seine verfehlten Gefühlsüberzeugungen zu hinterfragen und aufzulösen.